Das Märchen von der Vereinbarkeit
Alle Fans von Ursula von der Leyen und dem Märchen von der Vereinbarkeit müssen jetzt ganz tapfer sein. Denn ich behaupte:
Kinder und Karriere kann man nicht miteinander vereinbaren.
Ursula von der Leyen hat sieben Kinder und Geld und Platz für so viele Nannies, Au Pairs, und Tagesmütter, wie sie gerade braucht. Den Haushalt muss mit Sicherheit keine von beiden erledigen.
Aber auch für die reichsten Eltern hat der Tag nur 24 Stunden, und wenn davon 12 Stunden für Arbeit und 7 Stunden für Schlaf abgehen, ständige Dienstreisen, körperliche Bedürfnisse noch dazu, dann bleibt nicht allzu viel Zeit für die Kinder. Und wenn Frau von der Leyen in einem Interview dann treuherzig meint, ohne ihren Mann (der übrigens Medizinprofessor und Unternehmer ist und nicht Hausmann) und ihre Tagesmutter wäre das kaum zu schaffen, dann nehme ich ihr das trotzdem nicht so richtig ab. Ach ja, und sie betreibt Dressurreiten auf EM-Niveau und kümmert sich um ihren demenzkranken Vater.
Rein rechnerisch bleibt da für jedes Kind pro Tag ein paar Sekunden. Bei so wenig Zeit holen sich andere Leute nicht einmal ein Kaninchen aus dem Tierheim.
Wie sieht es denn bei normalen Familien mit der Vereinbarkeit aus?
Nehmen wir einmal eine ganz normale Familie, die Mustermanns.
Wir ziehen fünf der sieben Kinder und das ganze Geld ab. Der Vater arbeitet "nur" 9 Stunden am Tag (mit Arbeitsweg und Pause) und die Mutter 5, es geht beiden nicht um eine bemerkenswerte Karriere, sondern um den ganz normalen Lebensunterhalt, der verdient werden will. Die beiden Kinder haben tatsächlich einen Kitaplatz mit mehr als nur ein paar Stunden und eine Ferienbetreuung gibt es auch. Die Großeltern können ab und an einspringen. Das alles ist schon Idealfall und nicht Durchschnitt.
Und, funktioniert es?
Nicht wirklich.
So lange noch keine Kinder da waren, konnten sich beide Partner auf den Beruf konzentrieren - und trotzdem blieb noch genügend Freiraum für ein erfülltes Privatleben, mit Wochenendreisen, Sport, Lesen und Gesprächen. Den Haushalt hat man sich geteilt - ok, meist macht die Frau ein bisschen mehr, aber herrje.
Dann meldet sich das erste Kind an. Gute Vorsätze werden gefasst. Mittelfristig wollen beide zu gleichen Teilen arbeiten und sich um die Kinder kümmern, ganz partnerschaftlich. Zunächst bleibt die Frau mit dem Baby zuhause, dass hat die Natur so vorgesehen, aber der Mann nimmt auch ein paar Wochen Elternzeit.
Aber Elternzeit ist eine besondere Zeit und dann kommt der Alltag mit Kind. Und weil Männer immer noch mehr verdienen als Frauen, läuft es in fast allen Familien darauf hinaus, dass der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau in Elternzeit bleibt und ein Jahr nach der Geburt bis zu 30 Stunden arbeitet - also in Teilzeit.
Und während es irgendwie unausgesprochen klar war, dass die Frau sich um den Haushalt kümmert, wenn sie mit dem Baby zuhause bleibt, ändert sich daran wenig bis gar nichts , wenn sie wieder in Teilzeit arbeiten geht.
Und so ist der Tagesablauf für beide durchgetaktet bis in die Minuteneinheit. Geduld und Hinwendung bleiben auf der Strecke, wir sind permanent nicht so geduldig, wie wir es gerne möchten, nicht so zugewandt, nicht so liebevoll. Weil uns die Zeit und die Kraft fehlt. Und wehe, wenn ein Kleinkind einmal nicht "funktioniert" - der Rückstand, der aus einer Viertelstunde trödeln entsteht, lässt sich kaum wieder einholen. Und es bliebt erst recht keine Zeit für Gespräche - Gespräche über Erwartungen und Enttäuschungen aus der sich so radikal geänderten Lebenssituation.
Und bei der Arbeit? Die allermeisten Männer würden gerne ein paar Stunden weniger arbeiten - geht aber nicht. Die allermeisten Frauen fühlen sich beruflich aufs Abstellgleis geschoben. Wir glauben, mit den in Vollzeit arbeitenden Kollegen konkurrieren zu müssen und können es doch nicht, weil wir uns nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal durchgeschlafen haben.
Beide haben das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können - wer im Beruf 100% geben will und dem Kind 100% geben will, der scheitert an seinen eigenen Ansprüchen. So lebt man nebeneinander her - beide erschöpft, beide mit permanent schlechten Gewissen, beide frustriert, weil man das ja eigentlich ganz anders machen wollte.
Noch mehr dazu? In diesem Film wird erklärt, warum wir an unseren Ansprüchen scheitern müssen. Und dann lest noch diesen klugen Artikel in der Zeit dazu.
Wie kann Mediation dabei helfen?
In einer Beziehung schließen wir einen Vertrag ab. Die Vertragsbestandteile werden nur in den seltensten Fällen offen verhandelt, aber der Zustand der Verliebtheit, wenn man zusammenzieht, hilft darüber hinweg. Es wäre ja auch sehr unromantisch bis ins Detail auszuhandeln, wer wann den Recyclingmüll entsorgt, oder?
In einer Paarbeziehung ohne Kinder ist auch meist noch genügend Kraft und Zeit vorhanden, hier großzügig zu sein. Oder man nimmt sich bei zwei vollen Einkommen eine Putzfrau, warum nicht?
Wenn nun aber ein Kind kommt, sollte dieser Beziehungsvertrag neu ausgehandelt werden. Denn mit dem Kind ändert sich die Paarbeziehung so radikal, wie man es sich vorher nicht vorstellen kann. Zu dem Zeitpunkt sind aber meist beide Partner dazu gar nicht mehr in der Lage, offen miteinander zu reden. Überforderung, Schlaflosigkeit und Mangel an Gelegenheit zu einem vertrauensvollen Gespräch, das sind hierfür keine guten Voraussetzungen.
Es gibt niemanden, den man um Rat fragen kann: die Eltern haben noch das klassische Hausfrauen-und-Ernährermodell gelebt. Gegenüber Freunden wird die Fassade aufrechterhalten. Aber immer mehr Partnerschaften im Bekanntenkreis scheitern und man ahnt, wie es hinter der Fassade getobt hat.
Klassischerweise wird eine Mediation in Anspruch genommen, wenn die Paarebene verlassen wird und man nur noch Eltern ist. Dieser Übergang ist alleine und ohne Hilfe nur schwer zu bewältigen. Aber warum nicht auch Mediation nutzen, wenn man die nur-Paarbeziehung verlässt und Paar und Eltern wird? Oder wenn die Frau wieder anfängt zu arbeiten - egal ob Voll- oder Teilzeit, und deshalb der Familienalltag umorganisiert werden muss?
Eine Mediation bietet einen geschützten Raum, wo solche Gespräche stattfinden können. Es werden nicht Fehler aus der Vergangenheit besprochen, sondern Lösungen für die Zukunft erarbeitet. Es wird ein Vertrag ausgehandelt, wie das Zusammenleben gestaltet werden soll. Man kann zuhören, Rat geben und miteinander abwägen. Man wird viel vom anderen erfahren - und von sich selbst, weil man die vielen vagen Gedanken und Unbehaglichkeiten formulieren und aussprechen muss.
Als Eltern sollte man jede Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn das Kind lispelt, gehen wir zum Logopäden. Wenn der Rücken zwackt, hilft ein Physiotherapeut. Wenn wir in unserem Familienleben unglücklich sind, sollten wir um Himmels willen nicht darauf vertrauen, dass das irgendwie schon wieder wird.
Nutzt die Möglichkeiten der Mediation rechtzeitig, nicht erst wenn die Paarebene verlassen wird. Und träumt nicht das Märchen von der Vereinbarkeit.